LERNEN MIT ZUKUNFT Ausgabe Dezember 2013 - page 4

Erinnerungen:
DIE GEHEIMNISVOLLSTE ZEIT DES JAHRES
Weihnachten 1941
information & brauchtum
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Ingeborg Halzl
Schreibpädagogin
Endlich war der heilige Abend da. Bei Ein-
bruch der Dunkelheit wurde ich zu Oma
ins Nachbarhaus gebracht. Oma hatte
ein großes Anwesen mit Tieren, von Kat-
ze bis Pferd. Da der heilige Abend auch
der Beginn der zwölf Rauhnächte ist, war
es Brauch, das Haus auszuräuchern. Man
legte glühende Kohlen auf eine Schau-
fel, streute Weihrauchkörner darauf und
ging damit durch alle Wohnräume, in die
Scheune und auch zu den Tieren in die
Stallungen.
BRAUCHTUM
Wir hatten einen sehr großen Christ-
baum, vor dem wir das Evangelium lasen,
Gedichte aufsagten und sangen. Es gab
viele Geschenke. Dass es vor allem Be-
kleidung und sonstige Notwendigkeiten
waren, störte uns nicht. Mit Spielzeug
hatten wir natürlich die größte Freude.
Das Festessen war im Wirtshaus bei On-
kel und Tante, und es gab immer Karp-
fen, Erdäpfelsalat und als Nachspeise:
Apfelstrudel. Nach dem Essen gingen wir
zum Friedhof und stellten in die schnee-
bedeckten Grabhügel kleine Kerzen.
Zur Mitternachtsmette kamen aus allen
kleinen umliegenden Dörfern die Leute
mit Laternen. Es waren alle in freu-
diger Stimmung. Zum Abschluss
der Mette spielte mein Bruder auf
der Orgel: „Stille Nacht ...“ und
die Menschen sangen voll
Inbrunst so laut sie konn-
ten.
I
ch
war 1941 sechs Jahre alt, mein
Vater im 2. Weltkrieg, und meine
Mutter rackerte für uns vier Kinder.
Wir lebten in einem kleinen Dorf im
Waldviertel, mit Schule, Kirche und
eigenem Pfarrer.
Für mich war Weihnachten der absolute
Höhepunkt des Jahres und die Vorfreude
begann mit den ersten Schneeflocken.
Winter war damals noch Winter, mit viel
Schnee, der oft bis zu den Knien reichte.
Die Kälte ließ den Schnee bei jedem
Schritt knirschen. Eislaufen auf den
zugefrorenen Löschteichen und Rodel-
fahren von jedem kleinen Hügel waren
unser Wintersport.
Vor dem Advent holten wir Tannenäste
aus dem Wald und Mutter flocht einen
großen Adventkranz. An den Sonntagen
wurden entsprechend viele Kerzen ange-
zündet und wir sangen stimmige Lieder
und beteten. Damals wurde viel gebetet,
weil Frauen um ihre Männer und Söhne
bangten, die im 2. Weltkrieg eingezogen
waren.
RAUHNÄCHTE
Neun Tage vor dem heiligen Abend
begann die „Herbergssuche“. Neun Fa-
milien trafen sich in den jeweiligen Häu-
sern zum Rosenkranzbeten. Dabei wurde
eine Marienstatue mitgetragen, die dann
einen Tag bei einer Familie verblieb. Wir
Kinder fanden das Rosenkranzbeten sehr
fade, aber jeder Rosenkranz brachte uns
dem heiligen Abend näher.
Wenn wir vom kommenden Christkind
sprachen, so war das für uns das Kind in
der Krippe, das zu Bethlehem geboren
war mit Maria, Josef, Ochse und Esel.
v.r. Ingeborg Halzl mit Geschwister
4 | DEZEMBER
2013
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Foto: © Denis Tabler - Fotolia.com
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